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Alice: Deutschland war meine zweite Heimat (Interview bei Radio 24)

Interview bei Radio 24 vom 14. Dezember 2014

Zum nachhören: www.radio24.ilsole24ore.com Interview mit Alice

Gleich zu Beginn des Interviews ist es Alice wichtig, zu betonen, dass dieses Projekt (Weekend) von Francesco Messina ins Leben gerufen und Dank ihm realisiert und gemeinsam mit Marco Guarnerio produziert wurde. Abgesehen von den beiden Stücken, die Franco Battiato produziert hat. Sie habe das Album nicht vorangetrieben, sondern sich dieses Mal in der Rolle einer Mitwirkenden wiedergefunden. Im Gegensatz zu allen bisherigen Alben. Dies habe verschiedenste Gründe, die sie nicht weiter nennt. Dieses Album gäbe es Dank Francesco Messina. Er habe auf eine unglaubliche Art und Weise geholfen, ihr für sie Wichtiges zu verdeutlichen, was ihr dann ermöglichte, sich auf verschiedensten Ebenen auszudrücken. Denn dieses Album mit seinen Kompositionen von diversen Autoren, und entsprechend unterschiedlichen Schemata, gab ihr die Gelegenheit, verschiedene musikalische Bereiche zu streifen. Wohingegen es bei der Thematik der einzelnen Titel durchaus einen roten Fäden gäbe, wenn auch Blickwinkel und Empfindungen unterschiedlich seien.

Auf Nachfrage warum sie meine, dieses Album nicht initiiert zu haben, ob sie vielleicht keine Lust gehabt hätte… antwortet Alice, dass es eben so gewesen sei, zwar zum ersten Mal, aber so sei es eben. Sie habe zu dieser Zeit einfach keine Lust gehabt, auch nur irgendetwas zu tun. Sie sei nicht einmal in einer kreativen Phase gewesen. Es war ein aus unterschiedlichen Gründen sehr schwieriger Moment ihres Lebens, und es waren Francesco Messina, mit seiner Beharrlichkeit, seiner Passion und seiner Arbeit, sowie auch Franco Battiato der im selben Sinne sehr präsent gewesen war, die ihr aus einer Art Limbus heraushalfen, was für sie selbst natürlich auch notwendig schien. Es war eine jener Situationen im Leben die jeder kennt, und aus denen man sich am eigenen Schopf wieder herausziehen müsse. Letztlich herausgekommen sei bei all dem das Album Weekend.

Es geht um den Titel des Albums – Weekend. Alice erzählt, es nur logisch, dass das Album diesen Titel trage, da es fast ausschließlich an Wochenenden (quasi über ein ganzes Jahr hinweg) entstanden sei. Das lag daran, dass dies die einzigen Tage waren, an denen Francesco Messina und Marco Guarnerio Zeit hatten. Selbst Paolo Fresu sei am Wochenende zu Aufnahmen gekommen. Dies sei sehr schön gewesen, da so sehr viel Zeit gewesen wäre vor allem auch dafür, das Entstandene nochmals mit Abstand zu betrachten und dies sei sicherlich sehr wichtig gewesen.

Wie man zu dem Luxus käme, ohne Zeitdruck zu arbeiten erklärt Alice damit, dass sie seit geraumer Zeit ihre Alben selbst produziere und somit auch selbst den Zeitrahmen vorgäbe. Und da es somit keinen von außen gesetzten Termindruck gäbe, nehme sie sich eben die notwendige Zeit, was natürlich eine wundervolle Sache sei.

Die Frage, ob sie dem Zeitdruck schon mal so weit nachgeben musste, dass sie anschließend dachte „wir hätten es besser machen können“ verneint Alice. Auch unter Termindruck hätte es immer eine große Sorgfalt gegeben, bis hin zur Erschöpfung – wenn es sein musste wurde nicht gegessen oder geschlafen, aber das Ergebnis wäre stets das gewollte gewesen und man hätte sich nicht mit weniger zufrieden gegeben der Zeit wegen. Das sei nicht vorgekommen.

Ob sie wisse, dass sie eine Ikone der Schwulen-Community wäre – ja, das sei ihr schon zu Ohren gekommen. Das sei sehr schön, denn abgesehen von „der Ikone“, gehe es um Sensibilität, abgesehen vom dem Beiklang darum, eine Kommunikation über die Musik zu erreichen, darum eine Verbindung herzustellen über den Gesang, das Lied, den Text.

Alice erzählt, dass sie bereits mit 15 Monaten zum ersten Mal außerhalb der Familie gesungen habe. Es war am Weihnachtstag (sie ist am 26. September geboren), als ihre Mutter sie zum ersten Mal mit in die Kirche nahm. Ihre Mutter hatte bereits begonnen ihr vorzusingen als sie noch in der Wiege lag und sie erzählt von sehr frühen Erinnerungen, im Alter von wenigen Monaten. Die Lieder, die ihr von ihrer Mutter vorgesungen wurden, hätte sie sogleich aufgenommen und sich angeeignet. Als ihre Mutter sie dann an diesem Tag mit vor an die Krippe genommen hätte, wäre das für sie, das sehr junge Kind, etwas ganz Außerordentliches gewsen, wenngleich ihre Mutter sie natürlich darauf vorbereitet hatte. Sie erzählt, wie aufgeregt und fasziniert sie vor dem kleinen Jesuskind in der Krippe gestanden hätte. Als ihre Mutter sie dann aufgefordert hätte, dem Jesuskind doch die Weihnachtslieder vorzusingen, die sie von ihr gelernt habe, hätte sie unbesorgt die beiden Weihnachtslieder („La notte di Natale“ und „Tu scendi dalle stelle“) gesungen. Zu diesem Zeitpunkt hatten die meisten Personen wohl schon die Kirche verlassen, wären dann aber unvermittelt wieder zurückgekehrt.

Diese große Emotion, die sich über den Gesang teilen lies, und die ihr von ihrer Mutter bereits vermittelt worden war, prägte sich tief ein. Dieser Moment, dieses „erste Mal“ sei offenbar zu ihrer Bestimmung geworden.

Als sie dann heranwuchs sei sie, wie alle, oft gefragt worden, was sie denn mal werden wolle, wenn sie groß sei. „Sängerin und Lehrerin“ habe sie dann immer geantwortet. Ihren Abschluss als Lehrerin habe sie gemacht, wenn sie auch nie unterreichtet habe. Aber Sängerin, das sei sie ja nun geworden.

Auf die Frage, wie es sich anfühle wenn man dann auf der Bühne stehe vor einem so großen Publikum wie sie es hatte, antwortet Alice „ Wirklich sehr speziell“. Sie habe vor 10.000 Zuhörern gesungen und ehrlich gesagt, wäre es ein wenig beängstigend gewesen, denn zu der Zeit seien die Sicherheitsvorkehrungen bei Weitem nicht so gewesen wie heute. Zumindest in Italien, im Ausland war es anders, z.B. in Deutschland, wo sie sehr viel gearbeitet und auch wunderschöne Momente erlebt hätte, sei bereits damals alles wesentlich besser organisiert gewesen. Vor allem die Anzahl der Personen verängstigte sie, sie fühlte sich bedrängt. Es habe ihr immer viel besser gefallen vor einem kleinen Publikum zu singen denn mit dieser Masse an Menschen fiele es ihr sehr viel schwerer mit allen in Kontakt zu treten, allein schon durch die physische Distanz. Hinzu kam, wie sie sagte, dass sie zu dieser Zeit noch nicht das Instrumentarium hierfür hatte, noch nicht einmal darum wusste. Dies hätte sie erst im Laufe der Zeit gelernt wie so vieles, was einem das Leben so lehrt. So habe sie eine Veränderung vorgenommen. Denn in einem Konzert, gäbe es die auf der Bühne und die im Saal, aber das eigentliche Ereignis bestehe aus beiden gemeinsam, es sei sozusagen ein drittes Element. Das Publikum sei ebenso wichtig wie die Musiker und Künstler auf der Bühne. Wenn es da nicht zu einem Austausch zu einer Kommunikation käme, sei es nur eine halbe Sache und für sie persönlich ein Scheitern, denn diese Kommunikation sei der eigentliche Sinn für sie. Dies hätte sie schon immer so empfunden, sie sei sich dessen im Laufe der Jahre immer mehr bewusst geworden; bereits zu Beginn ihrer Laufbahn sei es das gewesen, das sie gesucht habe, wenn auch noch instinktiv.

Ob sich dies auch in der Zusammenarbeit mit anderen Künstlern, der Wahl der Musiker ausdrücke (Franco Battiato, Paolo Fresu, Luca Carboni)? Mit Franco Battiato aber auch Paolo Fresu arbeite sie schon seit vielen Jahren. Insbesondere mit Franco Battiato sei sie bereits seit 1979 befreundet und der Kontakt sei nie abgebrochen, auch wenn sie viele Jahre nicht zusammengearbeitet hätten. Für das Album Samsara hätte sie Battiato gebeten ein Lied zu schreiben, heraus kam das wunderbare „Eri con me“. Und diese neue Zusammenarbeit setze sich auf Weekend fort. Paolo Fresu schätze sie, wie auch Luca Carboni, seit seinen Anfängen. Sie schätze Paolo Fresu, mit dem sie bereits 1989/1990 zusammenarbeitete nicht nur als international anerkannten Jazzmusiker, sondern auch als außergewöhnliche Persönlichkeit. Mit Luca Carboni sang sie im vergangenen Jahr zum ersten Mal für sein Album Fisico & Politico, und lernte dabei einen wundervollen Menschen und einen Vollblut-Musiker kennen, mit dem sie sehr gerne gearbeitet hat. So dachte sie bei dem Lied „Da lontano“, bei dem es sich um einen Dialog handele, sofort an Luca Carboni. Er sagte zu, und Alice findet diese Version sehr gelungen.

Beim Stichwort „Internationale Künstlerin“, erfolgreich und geliebt in Japan, Deutschland… erwidert Alice: Deutschland sei für sie wie eine zweite Heimat gewesen. Von 1981 bis 1996, als sie ihre letzte europäische Tournee machte, sei Deutschland für sie wirklich eine zweite Heimat gewesen. Alles begann mit Per Elisa und dem Gewinn des San Remo Festivals, ein Lied das ein wenig um Welt ging, auch wenn sie das damals überhaupt nicht realisiert habe. Die Plattenfirma hätte sie darüber nicht informiert und sie dies alles erst im Laufe der Zeit mitbekommen. Auch weil sie sich nie für Chartpositionen oder Verkaufszahlen interessiert habe; dies alles sei für sie wie eine andere Welt zu der sie keinen Zugang habe.

War Per Elisa für sie wie ein quälender Ohrwurm? Zu so etwas wurde es in der Tat, sie habe dieses Lied auch jahrzehntelang nicht mehr gesungen. Erst vor kurzer Zeit sei die Freude Per Elisa zu singen zurückgekommen; ein Lied, welches für sie sehr wichtig sei, für ihre berufliche Laufbahn, aber auch für sie persönlich.

Sie habe von ihrer Mutter erzählt, die ihr vorgesungen habe. Wie war ihre Familie, wie ist sie aufgewachsen, geboren in Forlì einer Kleinstadt. Ihre Familie komme aus einfachen Verhältnissen. Ihr Vater war Musiker und ein sehr guter Tenor (Tenore leggiero), spielte und sang in Big Bands der 50er Jahre. Davon lies es sich aber nicht leben und so musste er das Musikerleben aufgeben. Ihre Mutter war Angestellte, aber in ihrer Familie war die Musik bestimmend, allerdings mehr als Vergnügen denn als Beruf. Und so war Musik immer ein fester Bestandteil in ihrer Familie; selbst ihre Schwester hat Klavier studiert.

Als ihr Vater 1994 starb, sei es für sie sehr schwer gewesen mit dem Singen fortzufahren; es hätte sich angefühlt, als sei etwas in ihr zerbrochen. Es war dann die Erinnerung an das, was er bei ihrer letzten Verabschiedung zu ihr gesagt hatte (es war kein bewusster Abschied, denn er starb überraschend), was ihr die Kraft gab weiterzumachen.

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Wie immer vielen Dank an Alice e dintorni für den Hinweis!

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